INCOVISion auf der IAA 2009
„Die Branche steht vor einem Paradigmenwechsel“
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel und die INCOVIS AG luden zur Diskussion über die Zukunft der Mobilität
"Wer in dieser Situation Innovationen voranbringt, der kann gestärkt aus dieser Krise hervorgehen." Mit diesem Satz bringt Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) die derzeitige Situation der Automobilbranche auf den Punkt. Doch wie nachhaltig sind all die Konzepte elektrischer Fahrzeuge, wie ausgereift sind die vielen Pilotprojekte in den Innovationsschmieden der Automobilhersteller? Wird es in Zukunft überhaupt noch klassische Autobauer geben? Und wenn ja, welche Rolle nehmen sie ein?
Es sind eben solche Fragen, welche sich Vertreter der Automobilindustrie derzeit rund um den Globus stellen. Nahezu niemand vermag zu sagen, wo die Reise hingeht, wenn es um die individuelle Fortbewegung der Zukunft geht. Fest steht: seitdem die Politik weltweit die Fördertöpfe insbesondere für Elektromobilität geöffnet hat, verfügt nahezu jeder Hersteller über ein elektrifiziertes Fahrzeug. Darüber hinaus werben auch immer mehr bis dato unbekannte Firmen mit Fahrzeugkonzepten, welche jedes für sich den Anspruch erhebt, in der Entwicklung am weitesten vorangeschritten zu sein.
Auf die flächendeckende Einführung von Elektrofahrzeugen werden wir jedoch noch mindestens vier Jahre warten müssen, sind sich Experten einig.
Heiko Dehning, Vorstandsvorsitzender einer Managementberatung mit innovativem Ansatz in der Automobilindustrie, bringt die Situation auf den Punkt: "Es gibt ganz ausgereifte Konzepte, und es gibt kluge Ideen. Nur fehlt für eine flächendeckende Einführung von Elektrofahrzeugen derzeit die gesamte Infrastruktur. Und es fehlt der Dialog. All die Einzelkonzepte werden nicht funktionieren, wenn wir nicht Standards schaffen, die das Fahren mit einem neuen Antrieb auch bezahlbar machen. Hier steckt die Entwicklung noch völlig in den Kinderschuhen." Dabei ist für viele Vorreiter der Branche noch gar nicht entschieden, ob der Elektromotor in Zukunft tatsächlich das Rennen macht.
Auf einem Expertenforum der IAA in Frankfurt diskutierten in den vergangenen Tagen rund 30 Experten über die Zukunft der Mobilität. Dabei stand vor allem die Betrachtung der heutigen Antriebs- und Speichertechnologien im Vordergrund, sowie die Machbarkeit der flächendeckenden Einführung von Elektrofahrzeugen.
Klare Ziele hatte hierbei vor allem die in Essen ansässige RWE AG. Deren CEO Dr. Jürgen Großmann versprach: "Bis zum Jahr 2015 werden wir die flächendeckende Infrastruktur zum Laden von E-Fahrzeugen geschaffen haben. Dann ist die Industrie gefragt, die Autos auch anzubieten."
Dass die derzeitigen Fahrzeuge dem neuen E-Standard nicht genügen, demonstrierte Prof. Lutz Fügener, Leiter des Instituts für Fahrzeugdesign an der Hochschule Pforzheim: "Die derzeit verfügbaren Elektrofahrzeuge sind mehr Konzeptautos. Es genügt in Zukunft aber nicht, in die B-Klasse einen Haufen Batterien zu legen, und somit ein E-Fahrzeug zu schaffen. Der Kunde möchte in Zukunft völlig neue Fahrzeugkonzepte, die dem öko-effizienten Fahren auch gerecht werden." Seine Ausführungen zum Thema Die Neuerfindung des Automobils zählten zu den Höhepunkten des viertägigen Forums.
Führende Umweltpolitiker machten auf dem Expertenforum der INCOVIS AG noch einmal deutlich, dass die Zeit für reine Elektrofahrzeuge noch gar nicht reif sei. So mahnte die Beraterin der Vereinten Nationen und Trägerin des Alternativen Nobelpreises Hunter Lovins, die Gesamtökobilanz nicht aus den Augen zu verlieren. „In Ländern, in denen die Energie derzeit aus Kohle und fossilen Brennstoffen gewonnen wird, macht das Elektrofahrzeug keinen Sinn. Dort richtet es sogar mehr Schaden an.“ Dennoch war die international gefragte Expertin beeindruckt vom Forschungsstand Deutscher Hersteller. "Mit dem E-Smart haben wir ein phantastisches Produkt für den City-Betrieb. In naher Zukunft werden Lithium-Ionen-Batteriern auch bezahlbar sein, dann rechnet sich das Konzept."
In Bezug auf die Finanzierbarkeit von Elektrofahrzeugen gab das Bundesumweltministerium klare Vorgaben. Prof. Dr. Uwe Lahl, verantwortlicher Ministerialdirigent für Verkehr und Emmissionsschutz im BMU, erhöhte den Druck auf die Deutschen Automobilbauer: "Bis 2015 muss sich der Businesscase rechnen. Dann müssen die Fahrzeuge auch ohne Subvention für Hersteller oder Endverbraucher auskommen. Sonst fährt uns die Konkurrenz davon"
Dass Wettbewerber vor allem in Asien viel weiter sind, als die Deutsche Automobilindustrie, zeigte Prof. Dr. Gernot Spiegelberg, Chefstratege der SIEMENS AG und in Deutschland meistgefragter Experte in Sachen E-Mobility. Seiner Meinung nach sind chinesische Hersteller in der Entwicklung von Batterien und Elektrofahrzeugen bereits uneinholbar vorangekommen. "Hier beträgt der Vorsprung mindestens fünf Jahre. Darüber hinaus besitzt China die größten Reserven an Lithium. Wir begeben uns mit der Lithium-Ionen-Batterie also direkt in eine zweite Abhängigkeit."
Auch im Vertrieb der Zukunft wird es massive Veränderungen geben. Für die Deutschen Automobilhersteller wird sich der Markt noch stärker differenzieren, als bisher. "in klassischen Märkten wie Europa muss der Kauf eines Fahrzeuges zu einem unvergesslichen Erlebnis werden. Der Autoverkäufer arbeitet immer noch produktbezogen. Diese Zeiten sind vorbei" mahnt Strategieexperte Heiko Dehning, Gastgeber des Expertenforums. Unterstützung erhielt der Filderstädter Unternehmensberater von Deutschlands bekanntestem Mystery-Shopper Michael Bauer, welcher zu Beginn seiner Ausführungen schockierende Ergebnisse seiner Mystery-Shopping-Aktionen in deutschen Autohäusern präsentierte. Demnach wird Service in Deutschen Autohäusern zwar vom Hersteller verlangt, keineswegs jedoch von den Mitarbeitern gelebt. Fehlende Reaktionen, abwertende Bemerkungen über den Kunden, sogar Ausfälligkeiten musste sich der Kunde gefallen lassen. Hier rufen die Experten dringend zum Umdenken. Eine Studie der INCOVIS AG zum Marketing in Automobilvertrieb deckt ebenfalls immense Schwachstellen im Umgang mit dem mobilen Kunden auf.
Dass die Automobilhersteller wie wir sie heute kennen, in zehn bis 15 Jahren nahezu keinen Kundenkontakt mehr haben werden, dessen sind sich die Experten des Forums ebenfalls einig. Christian Schreyer, Chefstratege der Deutschen Bahn: "Wir wollen in etwa zehn Jahren der führende Anbieter individueller Fortbewegung in Europa sein. Was heute schon im Güterverkehr lückenlos funktioniert, wird nun in den Personenverkehr übertragen. Wir sind in der Lage, in den meisten unserer Bahnhöfe Ladestationen für unsere E-Fahrzeuge zu installieren. Hier bieten wir dem Kunden eine effiziente, ökologisch sinnvolle und barrierefreie Weiterfahrt im Stadtbereich. Im nächsten Schritt buchen wir Ihnen Ihre individuelle Fortbewegung, und rechnen sie wie eine Kreditkarte einmal monatlich ab. Dann bedienen wir uns zwar der Hersteller und ihrer Fahrzeuge, den Kundenkontakt haben jedoch wir."
Das Expertenforum der INCOVIS AG auf der diesjährigen IAA hat einmal mehr gezeigt, dass das Verhältnis des Kunden zum Automobil ein vollkommen Anderes sein wird. Sinkende Markenloyalität und der Bedarf an effizienter Fortbewegung setzen sich heute schon verstärkt durch. Das Auto wird mehr zum Fortbewegungsmittel denn zum Statussymbol.
Auch der Präsident des VDA, Matthias Wissmann kündigte ein Feuerwerk der Innovationen an und versprach den erfolgreichen Wandel der Branche hin zu einer Mobilitätsindustrie. Ein Rundgang über das Messegelände der 63. IAA verrät jedoch, dass die Hersteller selbst diesen Wandel noch gar nicht erkennen wollen. Wieder stehen leistungsstarke Fahrzeuge und Sportwagen im Fokus der Präsentationen. Dabei ist es höchste Zeit, umzudenken, wie der Schirmherr des Expertenforums, Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, anmahnt: "Die Branche steht nicht nur vor einem Umbruch, sie steht vor einem Paradigmenwechsel."



